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„Eine Flugzeugüberfüh- rung ist ganz speziell“

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Als SWISS Pilotin fliegt Tina Schwabe unsere Gäste seit 2015 quer durch Europa und das seit Juni 2017 auf unserem Airbus A220. 2016 war SWISS die erste Airline weltweit, die den A220 in Betrieb nahm und so neue Massstäbe hinsichtlich Umweltverträglichkeit, Effizienz und Komfort gesetzt hat. Jetzt, fünf Jahre später, erwarten wir die Ankunft unseres dreissigsten A220, welcher wie alle anderen Modelle in der Nähe von Montreal hergestellt wird. Anlässlich dieser Einflottung wollten wir von Tina wissen, wie sich denn solch ein modernes Flugzeug fliegt, warum es so besonders ist und wie eine Flugzeugüberführung überhaupt abläuft.

Liebe Tina, du fliegst seit fast vier Jahren auf unserem A220. Wie fliegt sich denn ein so modernes Flugzeug für euch Pilotinnen und Piloten?
Es fliegt sich super! Das Schöne ist, dass man den A220 trotz seiner modernen Systeme und der fortgeschrittenen Automation (zum Beispiel hinsichtlich effizienter Anfluggestaltung, Fly-by-wire oder Unterstützungs- und Überwachungssysteme) wie ein Flugzeug der älteren Bauart fliegen kann. Damit meine ich zum Beispiel den Avro RJ, dem A220 Vorgängermodell bei SWISS, den ich auch geflogen bin. Der A220 wurde so designt, dass der Mensch im Zentrum steht und man ihn bei gleichzeitig optimaler Unterstützung dieser modernen Systeme manuell sehr agil fliegen kann, was natürlich sehr viel Freude bereitet.

Was sind die Besonderheiten am A220?
Da gibt es einige. Nachdem in der sicherheitstechnischen Entwicklung innerhalb der Luftfahrtgeschichte zunächst die Maschine und anschliessend der Mensch im Vordergrund standen, ist jetzt die Zusammenarbeit beider in den Mittelpunkt gerückt. Das heisst, dass wir Pilotinnen und Piloten immer die Entscheidungsgewalt haben, jedoch vom Flugzeug optimal unterstützt werden. Weiterhin wurde der A220 optimal für seinen Anwendungsbereich designt: Für ein Kurzstreckenflugzeug hat er, trotz seiner Cargo-Zuladungsmöglichkeiten und dem Gesamtgewicht der Gäste, eine sehr gute Reichweite. Von der Schweiz aus kann er voll beladen zum Beispiel bis nach Marrakesch, Kairo oder Tel Aviv fliegen. Gleichzeitig kann er aber auch auf sehr kurzen und engen Pisten wie in London City und Florenz landen. Bezüglich London City ist noch der besonders steile Anflug zu erwähnen, für den der A220 ebenfalls zugelassen ist – es gibt nämlich nur sehr wenige Flugzeugmuster, die das können. Er ist also sehr vielfältig einsetzbar. Ganz besonders positiv zu erwähnen ist ausserdem seine Umweltverträglichkeit.

Apropos Umweltverträglichkeit: Der A220 nimmt diesbezüglich ja eine wichtige innovative Rolle innerhalb unserer gesamten Flotte ein. Kannst du nochmal erklären, warum?
Zusammen mit dem A320neo, den wir Anfang 2020 eingeflottet haben, sind wir hier im absolut modernsten technischen Bereich angekommen. Das kommt natürlich sowohl der Umweltverträglichkeit als auch der Wirtschaftlichkeit zugute. Hervorzuheben sind beim A220 die Triebwerke mit extremem Nebenstromverhältnis. Durch diese sogenannte „High-Bypass Fan“-Technologie kann der verlangte Schub effizienter bereitgestellt werden. Im Vergleich mit Vorgängermodellen resultiert dies in deutlich niedrigerem Kraftstoffverbrauch und somit in gleichem Masse geringeren CO2-Ausstoss (über 20% Reduktion). Die in einzelnen Flugzeugteilen verbauten Leichtbau-Materialien tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Diese reduzierte Menge an CO2 entspricht circa 7’000 Flügen zwischen Zürich und London City pro Jahr.

Und da wir schon von Innovationen sprechen, was schätzen unsere Gäste an unseren A220? Bekommst du diesbezüglich Rückmeldungen?
Es gibt sehr viel gutes Feedback, meistens direkt an unsere Cabin Crew. Die Atmosphäre im Inneren der Kabine empfinden unsere Gäste als sehr angenehm, zum Beispiel aufgrund der komfortablen Sitze, die auch noch mehr Beinfreiheit mit sich bringen. Durch die grösseren Fenster ist es zudem heller in der Kabine und die Raumhöhe verschafft das Gefühl von mehr Platz. Ich freue mich immer, wenn ich als Gast auf dem A220 fliege und geniesse es sehr.

Tina_Schwabe
Tina Schwabe

2017 warst du beim Überflug des neunten A220 mit dabei. Wie läuft so eine Flugzeugabnahme vor Ort in Kanada ab?
Die Abnahme und die eigentlichen Testflüge vor Ort werden von einem technischen SWISS Team durchgeführt, welches aus einer Abnahmepilotin oder einem Abnahmepiloten und Kolleginnen und Kollegen aus dem Engineering, zum Beispiel auch für den finalen Check der Kabine, besteht. Wenn alles in Ordnung ist, dann übernimmt ein Überführungsteam aus Zürich, um das nagelneue Flugzeug «nach Hause» zu fliegen, 2017 durfte ich Teil dieser Crew sein.
Eine Flugzeugübernahme und der Überflug sind ganz spezielle Erlebnisse und für mich war es eine unglaubliche Ehre, wie sie im Laufe meiner Karriere sicherlich ein ganz besonderes und einmalig schönes Ereignis bleiben wird. Den Start bei den Flugzeugwerken in Mirabel durfte ich persönlich durchführen. Ganz besonders war natürlich auch der erste eigene Flug über den Atlantik, was die meisten Pilotinnen und Piloten erst mit der Langstrecken-Umschulung erfahren. Auch die Landung in Zürich war ein absolutes Highlight, das i-Tüpfelchen sozusagen, geflogen vom Kapitän.

Der A220 ist ja ein Kurzstreckenflugzeug. Wie schafft er es, von Kanada bis in die Schweiz zu fliegen?
Von der Reichweite her gesehen ist das absolut kein Problem, weil wir das Flugzeug ohne zusätzliches Gewicht wie Gäste oder Cargo nahezu leer nach Hause bringen und wir daher sehr weit fliegen können. Als wir bei meinem Überführungsflug in Zürich angekommen sind, hätten wir noch Kerosin für rund zwei weitere Flugstunden im Tank gehabt. Einzig die Flugroute ist etwas speziell, da man zulassungsbedingt bei einem Kurzstreckenflugzeug immer innerhalb einer Stunde einen Flughafen erreichen können muss, was natürlich über dem Atlantik gar nicht so einfach ist. Deshalb führt die Überflugroute über Nordkanada, Grönland, Island und schliesslich via Schottland nach Zentraleuropa.

Wie fühlt es sich an, die Erste zu sein, die ein ganz neues Flugzeug fliegt?
Das ist ein ganz besonderes Gefühl, fast ein wenig unwirklich. Auf den Sitzen des Vorgängermodells Avro RJ100 haben vor mir schon einige Pilotinnen und Piloten Platz genommen, beim A220 war ich die Erste. Auch zu wissen, dass man die Erste sein darf, die den Sidestick bedient und die Knöpfe drückt ist sehr eindrücklich und lässt einen im Reiseflug das ein oder andere Mal demütig nach draussen schauen. Ein grosses Privileg, was durch die tollen Aussichten über Grönland und Island untermauert wird.

A220-300
A220-300

Was geschieht, nachdem das Flugzeug bei uns in Zürich gelandet ist?
Das kommt ganz auf die geplanten Aktionen an. Manchmal gibt es eine Begrüssung durch die Flughafen-Feuerwehr mit Wasserfontänen. Nach der Landung und dem Abstellen vor dem Hangar wird das Flugzeug dem Zoll übergeben und kann nach erfolgreicher Zollabfertigung meist schon ein paar Tage später in den Liniendienst übergehen. Je nach dem wird das Flugzeug vorher aber noch getauft, so auch unser dreissigster A220. Den Namen verrate ich aber noch nicht.

Was ist dein schönstes Erlebnis in Zusammenhang mit dem A220?
Es gibt so viele schöne Erinnerungen und Flüge, dass es mir schwerfällt, mich zu entscheiden. Die Flugzeugüberführung ist da sicherlich das Highlight. Stets präsent bleibt auch das Landetraining, die erste richtige Landung auf dem Flugzeug in „real life“ anstatt im Simulator. Immer wieder schön sind ausserdem Anflüge zu idyllischen Destination wie Sylt oder den griechischen Inseln oder ein Winteranflug in Kittilä/Finnland auf verschneiter Piste. Auch mit dem Flughafen London City verbinde ich viele schöne und interessante Erinnerungen.