Sie sind im Begriff eine externe Seite zu öffnen. Deren Inhalte sind möglicherweise nicht für alle Benutzer verfügbar.

Rückholflug aus Sicht unserer Cabin Crew

Auf English oder Français lesen

Nach meinem Rückflug aus New York Anfang März dachte ich eigentlich, dass ich aufgrund der aktuellen Situation und des dahingehend sehr reduzierten Flugplans meine Uniform so schnell nicht mehr anziehen würde. Doch wie heisst es in der Fliegerei so schön: “Always expect the unexpected”.

Ein Reserveblock stand mir noch bevor: Kurz darauf loggte ich mich im System ein und erfuhr, dass ich nach Bangkok fliegen darf. Solch eine Rotation hätte ich nicht erwartet, daher freute ich mich auf meinen Einsatz.

Die nächste Überraschung liess nicht lange auf sich warten: Crew Control, die Abteilung, welche für die laufenden Einsatzpläne der Crews verantwortlich ist, rief an und fragte mich, ob ich bereit wäre, eine Nacht länger unterwegs zu sein. Sie würden einen Repatriierungsflug für das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) von Auckland in Neuseeland via Bangkok in die Schweiz planen. Auch wenn der Abstecher nach Neuseeland noch nicht 100 % sicher war, erklärte ich mich natürlich dazu bereit.

30. März 2020

Der Flug wurde für 17.55 Uhr angesetzt. Während ich auf den Anruf wartete, ob ich meine Koffer für eine Nacht in Auckland packen muss oder nicht, hatte ich gemischte Gefühle. Einerseits positive: Ich erhalte vielleicht das Privileg eine solch spezielle Rotation mitzuerleben – ich darf als Flight Attendant von SWISS ein Teil der grossangelegten Rückholaktion des EDA sein. Zwar wäre ich nur ein kleines Rädchen im Getriebe, aber trotzdem ein essenzielles, um Schweizer/-innen und in der Schweiz lebende Personen von einem fernen Ort nach Hause zu holen. Der Gedanke daran gab mir ein gutes Gefühl.

Andererseits waren da aber auch Bedenken: Corona ist in aller Munde. Wir sollen uns schützen und Kontakte vermeiden. Jetzt wo sich die Situation so zugespitzt hat, macht man sich nicht nur Gedanken über die eigene Gesundheit,  sondern auch über die der Mitmenschen.

Am Mittag kam dann endlich der Anruf: Ich werde mit meiner Crew zuerst nach Bangkok und anschliessend nach Auckland weiterfliegen, sei dafür aber wie besprochen einen Tag länger weg. Ich packte meinen Koffer und wenige Stunden später machte ich mich auf den Weg zum Flughafen.

Um 16.25 Uhr traf sich die komplette Crew für das Briefing. Ob wir fit sind, wird oft gefragt. Jetzt hatte diese Frage aber eine andere Bedeutung als sonst. Wir sollten uns wirklich bewusst sein, was auf dieser Rotation alles auf uns zukommen könnte. Wir hätten noch immer die Möglichkeit auszusteigen, sei es aus Angst oder aus gesundheitlichen Gründen. Doch alle waren fit und fest entschlossen, dies gemeinsam zu meistern. Von Beginn an war der SWISS Spirit spürbar im Raum. Zusammen sind wir stark. 

Während des Briefings wurde besprochen, dass wir jetzt zwar sicher bis nach Bangkok fliegen, dass aber noch unklar ist, ob der Weiterflug nach Auckland wirklich wie geplant stattfindet oder noch etwas nach hinten verschoben wird. Ebenfalls noch unklar war, ob wir von Zürich nach Bangkok Gäste an Bord haben würden. Die Devise: Wir stellen uns auf alles ein. Kurz darauf erfuhren wir dann, dass der Flug nach Bangkok ohne Gäste stattfinden würde, ein sogenannter Ferry Flight also. Ich persönlich hatte diese Erfahrung noch nie gemacht.

Im Flugzeug angekommen, fühlte es sich wie der Start einer ganz normalen Rotation an. Plötzlich aber schoss mir durch den Kopf: Wann beginnt das Boarding? – Gar nicht! Wir kontrollierten standardmässig unser Emergency Equipment, ob Essen geladen war und machten uns für den Abflug bereit. Dann hoben wir ab. Anschliessend assen wir zu Abend und teilten uns in verschiedene Arbeitsschichten ein, da wir trotz leerem Flugzeug aus Sicherheitsgründen regelmässig die Galleys und Toiletten checken mussten.

Kurzer Blick ins Cockpit
Kurzer Blick ins Cockpit

31. März 2020

Nach 10.30 Stunden landeten wir sicher in Bangkok. Die Einreise war nicht ganz einfach. Zusätzlich zum normalen Einreiseverfahren mussten wir noch Fieber messen und eine Gesundheitserklärung abgeben. Für mich war nicht das Einreiseverfahren das Besondere, da zwischenzeitlich an jedem Flughafen Fiebermessen bereits normal ist. Für mich war der leere Flughafen weitaus ungewohnter. Ich hatte in der letzten Woche bereits einen fast leeren Flughafen in Newark gesehen, aber am Flughafen in Bangkok war es noch extremer, fast schon gespenstisch. Unser Flugzeug war das einzige, welches gerade angekommen war, alle Gates waren zu, alle Shops geschlossen, nur das Flughafenpersonal war noch da.

Im Crew Bus angekommen erhielten wir die Nachricht, dass unser Flug nach Auckland bestätigt wurde. Die Reise sollte also weitergehen. Wir fuhren über menschenleere Strassen zum Crew Hotel. Der Lockdown hatte definitiv auch Thailand erreicht!

1. April 2020

An unserem freien Tag konnten wir trotz Lockdown die hochsommerlichen Temperaturen in Thailand geniessen. Auf dem Dach des Hotels haben wir es uns auf den Liegestühlen gemütlich gemacht, denn der Pool und der Fitnessbereich waren aufgrund der aktuellen Situation leider geschlossen.

Im Verlauf des Tages erfuhren wir, dass wir am nächsten Tag doch nicht nach Auckland fliegen würden, weil der Flug um einige Tage verschoben werden musste. Da am nächsten Tag auch kein Rückflug nach Zürich geplant war, blieben wir erst mal in Bangkok für mindestens zwei weitere Nächte.

Der Zusammenhalt zwischen den Crewmitgliedern war enorm. Alle waren sich einig, dass sie trotz der Verschiebung bereit sind nach Auckland zu fliegen, auch wenn die Rotation dadurch länger dauern würde als eigentlich vorgesehen. Natürlich fragten sich alle, wie es jetzt weitergeht. Es war nicht ganz einfach so flexibel mit der Ungewissheit umzugehen. Die Situation konnte sich stündlich ändern. Heute hiess es, wir fliegen nicht nach Auckland, aber das konnte in ein paar Stunden wieder ganz anders aussehen.

2. April 2020

Was würde wohl im Laufe des Tages alles passieren? Niemand wusste es. Doch dann kam eine Nachricht von unserem Commander: So wie es zurzeit aussähe, würden wir am Sonntagmorgen mit einem kurzen Zwischenstopp in Laos nach Hause fliegen und wären dann am Sonntagabend zurück. Ein paar Stunden später kam erneut eine Nachricht: Neuseeland hat den Flughafen Auckland für Repatriierungsflüge wieder geöffnet (dies war auch der Grund für die ursprüngliche Absage). Somit war wieder offen, ob wir nun doch noch den ursprünglich geplanten Flug nach Neuseeland machen können. Wir warteten also weiter auf neue Informationen aus Zürich.

Bevor der Tag zu Ende ging, erfuhren wir, dass der Flug nach Auckland nun doch stattfinden würde und wir diesen durchführen dürfen. Voraussichtlich würden wir am Samstag, 4. April von Bangkok nach Auckland fliegen. Die Freude über diese Nachricht war gross, sehr gross sogar – bei allen Crew Membern. Trotzdem waren wir weiterhin auf alles gefasst, denn ändern konnte sich in Zeiten von Corona nach wie vor noch alles.

3. April 2020

Es endete ein weiterer Tag in Bangkok, den wir im Hotel verbringen mussten. Der Lockdown wurde immer strenger durchgesetzt, ab 22 Uhr durfte man sich gar nicht mehr auf den Strassen bewegen. Lediglich der Transport zum Flughafen war noch erlaubt.

Wir freuten uns sehr darauf, am kommenden Tag nach Auckland zu fliegen. Wir waren uns bewusst, dass auch dort eine Ausgangssperre galt und wir das Hotel und vielleicht sogar nicht einmal das Hotelzimmer verlassen dürfen. Dies spielte jedoch keine Rolle, wir freuten uns als Crew die gestrandeten Schweizer/-innen und in der Schweiz lebende Personen in Neuseeland abzuholen. Mittlerweile waren wir nach so vielen gemeinsamen Tagen innerhalb der Besatzung auch zu einer kleinen Familie zusammengewachsen. Das machte es für uns alle einfacher, mit der unsicheren Lage umzugehen.

Und dann kam die Nachricht von unserem Commander: Der Flug nach Auckland wurde ein weiteres Mal verschoben – wir werden somit nicht nach Neuseeland fliegen. Natürlich waren wir etwas enttäuscht, weil SWISS zuvor noch nie in Neuseeland gelandet ist und es ein ganz besonderer Flug gewesen wäre. Dafür durften wir uns auf eine andere Premiere freuen: Voraussichtlich sollen wir am Sonntag, 5. April von Bangkok nach Laos und dann von dort aus nach Zürich fliegen. Somit würden wir gestrandete Touristen von Bangkok und Laos mitnehmen können. Natürlich freuten wir uns auch auf diesen Flug und genossen umso mehr den zweitletzten Tag unserer Rotation, die wohl die längste in meiner Karriere als Flight Attendant bleiben wird.

4. April 2020

Dies war voraussichtlich der letzte Tag in Bangkok. Der Flug für den kommenden Tag stand fest und war mehr oder weniger definitiv. Wir verbrachten den Tag wie die Tage zuvor im Hotel und genossen noch ein letztes Mal das gute Essen und den Service. Die Unsicherheit, ob wir wirklich morgen über Laos nach Zürich fliegen werden, war jedoch immer noch allgegenwärtig.

5. April 2020

Da es zu keinen weiteren Planänderungen kam, trafen wir uns um 10.15 Uhr zum Pick-Up im Hotel. Die gesamte Besatzung trug Mundschutzmasken. Der Abschied vom Hotel war emotional: Wir hatten erfahren, dass wir noch als  letzte Crew in diesem Hotel übernachten durften. Die zukünftigen Crews werden in einem anderen Hotel, das direkt am Flughafen liegt, untergebracht sein. Somit war es auch für die Hotelangestellten ein spezieller Abschied. Wir waren die letzten Gäste und so wie uns gesagt wurde, musste das Hotel nun für einige Zeit seine Tore schliessen. Natürlich durfte deshalb ein Abschiedsfoto nicht fehlen.

Hotel Bangkok

Am Flughafen angekommen, wurden wir von den Mitarbeitenden der Schweizer Botschaft bereits erwartet. Die Emotionen waren von Anfang an zu spüren, denn sie waren froh, dass wir da waren um Touristen aus Bangkok nach Hause zu bringen. Wir wurden herzlich mit Kägi Fret beschenkt. Der anschliessende Weg zum Flugzeug war auch noch mal ein Erlebnis. Der gesamte Flughafen stand leer, die Geschäfte waren mittlerweile allesamt ausgeräumt und alles war mit Plastikplanen abgeklebt. Es war ein sehr denkwürdiges Bild.

Crewfoto vor dem Abflug
Crewfoto vor dem Abflug

Im Flugzeug kamen wir noch mal für ein Briefing zusammen, teilten uns in die jeweiligen Klassen auf und begannen mit den Vorbereitungen für den Flug. Die Stimmung innerhalb der Crew war familiär und insgesamt sehr gut. Nach ein paar Minuten waren wir bereit fürs Boarding. Unsere Erwartung war, dass wir ca. 320 Gäste an Bord haben werden, die sehr dankbar sind, nach Hause fliegen zu können.

Galley

Das Boarding verlief reibungslos und kurz darauf waren wir bereit nach Laos abzuheben. Der Flug dauerte ungefähr 45 Minuten und wir verteilten Wasser und Schokolade. Anders als erwartet, freuten sich manche Gäste mehr und andere weniger über ihre Rückkehr in die Schweiz. Einige wären nämlich gerne noch länger in Thailand geblieben, wurden aber von den thailändischen Behörden nach Hause geschickt.

In Laos angekommen, musste das Flugzeug aufgetankt und beladen werden. Gleichzeitig stiegen die neuen Gäste ein. Währenddessen wurde unser Flugzeug von Flughafenmitarbeitern bestaunt und fotografiert. Mir wurde noch mal richtig bewusst, was für ein besonderer Flug dies ist, da wir an einem Ort zwischengelandet sind, an dem noch kein SWISS Flugzeug jemals zuvor war.

Laos Tarmac
Laos Tarmac

Was für eine schöne, ehrenvolle Aufgabe dieser Repatriierungsflug im Auftrag des EDA ist, dachte ich mir. Auch die Freude der zusteigenden Gäste war sehr zu spüren und viele bedankten sich bei uns.

Seit unserem Abschied im Crew Hotel in Bangkok bis zur Ankunft im Operations Center am Flughafen Zürich sind 18 Stunden vergangen. Alle waren sichtlich erschöpft, aber dennoch hatten wir ein Lächeln auf dem Gesicht. Dies war dem aussergewöhnlichen Teamspirit zu verdanken.

Für mich war es eine sehr schöne, wenn auch sehr herausfordernde Erfahrung. Ich bin dankbar, dass ich Teil dieses Rückholfluges sein durfte und werde die Rotation positiv in Erinnerung behalten. Ich habe einmal mehr gelernt, dass Teamwork alles ist.

Text: Eliane Huonder, SWISS Flight Attendant