Sie sind im Begriff eine externe Seite zu öffnen. Deren Inhalte sind möglicherweise nicht für alle Benutzer verfügbar.

Maître de Cabine Europe

Auf English oder Français lesen

Schnittstelle zwischen Gate, Kabine und Cockpit.

Am Freitagmorgen um 4:30 Uhr reisst mich mein Wecker aus dem Tiefschlaf. Um diese Uhrzeit ist alles genau getaktet, um keine Zeit zu verlieren. Dank der guten Vorbereitung am Abend davor bin ich schnell bereit, meinen Arbeitstag zu beginnen. Eine Dreiviertelstunde später bin ich bereits im Zug Richtung Zürich Flughafen. Angekommen im Operation Center gehe ich zuerst zu meinem Schliessfach – ein paar letzte Handgriffe und meine Uniform ist komplett. Danach mache ich bei den Computerstationen kurz Halt, um mich für meinen Flugeinsatz einzuchecken und die wichtigsten Rotationsdetails auszudrucken, dann mache ich mich auf den Weg zu unserem zugeteilten Briefingraum. Heute steht ein Stockholm-Turnaround mit anschliessendem Nizza-Nightstop an.

Mein Name ist Alexandra und ich arbeite bei SWISS als Maître de Cabine (M/C). Als M/C führe ich die Kabinenbesatzung an und bin dafür verantwortlich, dass alle Abläufe in der Kabine möglichst reibungslos funktionieren. Auch fungiere ich als Schnittstelle zwischen Kabine und Cockpit sowie Gate. Vor jedem Flug ist es zudem meine Aufgabe, die Kabinenbesatzung über unsere bevorstehende Rotation zu informieren. Es gilt, eine komplett neu zusammengewürfelte Crew aufeinander einzustellen und ein funktionierendes Team zu schaffen. Wir besprechen die heutigen Passagierzahlen und -profile sowie die Serviceabläufe, welche für unsere Flüge vorgesehen sind. Die verschiedenen Servicestandards hängen jeweils von der Tages- und Flugzeit ab. In jedes Briefing gehört aber auch ein Safety-Teil, in welchem wir Abläufe bei möglichen Zwischenfällen besprechen. Ein gängiger Satz bei uns ist: «Expect the unexpected».

In unserer zweiwöchigen Grundausbildung zur M/C habe ich unter anderem gelernt, dabei verschiedene Tools richtig einzusetzen. Auch die Tätigkeit als Instruktor an Bord – die spätestens als M/C dazugehört – verlangt, auf unterschiedliche Bedürfnisse von Crew Members einzugehen. Bei der Einführung eines komplett unerfahrenen Flight Attendants ist eine andere Herangehensweise gefragt als bei dem regelmässigen Performance-Check eines langjährigen Kollegen.

Als Erstes überprüfen wir an Bord immer unser Safety Equipment und die Systeme auf ihre Vollständigkeit und Funktionalität. Gleichzeitig laufen die Beladung, das Catering und das Tanken unserer Maschine. Mit einem Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass wir in drei Minuten mit dem Boarding beginnen sollten. Die Zeit sitzt uns ständig im Nacken, da solche Flugoperationen minutiös getaktet sind. Nachdem ich bei meinen Kollegen aus der Kabinencrew und beim Kapitän das OK geholt habe, gebe ich dem Gate Agent ein Zeichen – Boarding!

Das Boarding ist eine für den Flug sehr entscheidende Sequenz, in der wir als Cabin Crew und insbesondere ich als M/C extrem gefordert sind. Neben dem Begrüssen gehört es zu meinen Aufgaben, jeden Passagier der an Bord kommt, zu zählen. Gleichzeitig haben wir während des Boardings einen kurzen Moment Zeit, unsere Gäste anzuschauen und bei einem unguten Bauchgefühl zu handeln. Es kommen relativ viele Menschen auf engem Raum in 10’000 Metern Höhe zusammen – ein ungünstiger Ort um grössere Konflikte zu lösen. Deshalb versuchen wir, solchen bereits am Boden und, solange die Türen noch offen sind, vorzubeugen.

Dies können zum Beispiel grössere medizinische Probleme sein oder Verhaltensweisen, welche die Operation des Fluges oder die Sicherheit anderer Fluggäste gefährden könnten.

In solchen Situationen ist es wichtig, mit den Gästen das Gespräch zu suchen, um mehr Informationen und Hintergründe zu erhalten. Ebenso gehe ich dann jeweils zum Kapitän und schildere ihm kurz meine Eindrücke. Eine offene und direkte Kommunikation innerhalb der Crew ist besonders in solchen Fällen unumgänglich, um einander bestmöglich zu unterstützen. Bei solchen Entscheidungen spielen verschiedene Faktoren eine Rolle für mich und es ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, da ein Gast gegebenenfalls die Reise nicht wie geplant antreten kann. Einen solchen Entscheid zu übermitteln ist nie einfach, gehört aber zu unserem Job dazu.

Ich erinnere mich an Teile meines M/C-Assessments, in denen genau das die Aufgabe war. Neben dem Interview und einer 15-minütigen Präsentation konnte ich in einem Rollenspiel zeigen, dass ich auch in einer unangenehmen Situation ruhig und klar auftreten kann.

In der mehrwöchigen Vorbereitung auf das Assessment habe ich mich selbstständig mit verschiedenen Führungsstilen und deren situativen Anwendung in der Praxis auseinandergesetzt. Mein Teamleader hat mich während des ganzen Prozesses unterstützt und hat kurz vor dem grossen Tag einen Probedurchlauf des Assessments mit mir durchgeführt.

Nachdem das Boarding beendet ist, können wir die Türen schliessen und unsere Reise nach Stockholm antreten. Ich kann mich nun ganz unseren 156 Passagieren und meinen Kollegen widmen.

Der Flug läuft ruhig und ohne Zwischenfälle ab. Ich habe sogar ein paar Minuten Zeit, im Cockpit bei bester Aussicht mein Frühstück zu geniessen. Solche Momente erfreuen mich jedes Mal aufs Neue. Auch unsere Gäste sind zufrieden und dankbar, als wir sie nach der fast pünktlichen Landung in Stockholm verabschieden. Das ist immer ein schönes Gefühl.

Wieder zurück in Zürich gibt es eine Verzögerung unseres Fluges nach Nizza, weil unser Flugzeug aus Berlin verspätet gelandet ist. Kleinste unerwartete Ereignisse können den Flugplan durcheinanderbringen, sodass einem die Zeit auf der Kurzstrecke öfter drängt. Nun geht’s weiter nach Nizza, wo wir am Abend diesen langen Tag bei einem Feierabendbier ausklingen und noch einmal Revue passieren lassen. Es ist ein gutes Gefühl, als Team eine solche Flugoperation mit allen Herausforderungen und Tücken gemeinsam gemeistert zu haben.