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Der Flughafen Florenz aus Pilotensicht

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«Was für riesige Displays!» – das ist einer der ersten Gedanken, die mich jedes Mal überkommen, wenn ich einen Blick in das Cockpit der C Series werfe. Seit 2016 verrichtet die C Series nun schon zuverlässig ihren Dienst bei SWISS und auch ich durfte schon das eine oder andere Mal in den Genuss eines Flugs mit diesem hochmodernen Flugzeug kommen – nun auch endlich wieder einmal auf Sitz «0C», dem Beobachtersitz im Cockpit.

First Officer Sascha D’Angelo nimmt mich – und Euch – mit auf einen ganz besonderen Flug. In unter einer Stunde geht es heute nach Florenz. In dieser kurzen Zeit werden wir nicht nur einen atemberaubenden Blick auf die Alpen geniessen, sondern auch Einblicke in eine anspruchsvolle Operation bekommen. Der Flughafen der grössten Stadt der Toskana hat es nämlich in sich. Also: Schnallt Euch an und geniesst die Aussicht!

First Officer Sascha D’Angelo im Cockpit der C Series nach Florenz.

Florenz: kurze Piste, umgeben von Bergen

Der Flughafen Florenz «Amerigo Vespucci» hat so einige Eigenarten, die ihn zur Herausforderung machen. Das hervorstechendste Merkmal ist die ziemlich kurze und nicht sehr breite Runway. Ausserdem ist der Flughafen von höheren Bergen umgeben, weswegen man ihn nur in eine Richtung, nämlich Nordosten, anfliegen und in die andere Richtung, Südwesten, wieder verlassen kann. FLR liegt also quasi in einem «Kessel».

Das Gelände bringt nicht nur diese Herausforderung mit sich, es sorgt auch für ein recht ungewöhnliches Mikroklima. Präzise Vorhersagen sind deswegen nicht möglich, stattdessen stellt die Flugsicherung alle zwei Minuten die genauen Windparameter bereit. Dies ist, wie wir gleich sehen werden, besonders wichtig, da der Flughafen aufgrund der vorgegebenen Landerichtung oft auch mit Rückenwind angeflogen werden muss.

Aufgrund dieser Tatsachen dürfen bei SWISS ausschliesslich Kapitäne in Florenz starten und landen. Commander, die diesen Platz anfliegen, müssen ausserdem ein sogenanntes Airport Familiarization Training absolvieren. Hierbei werden Starts und Landungen in Florenz zunächst im Simulator trainiert und danach folgen vier «Real-life»-Starts und -Landungen unter Begleitung eines Instruktors. Erst nach erfolgreichem Abschluss dieses Trainings darf ein Kapitän ohne Fluglehrer nach Florenz fliegen.

Meeting the Crew

Wie gut, dass unser Kapitän Thomas Bieri dieses Training bereits durchlaufen hat! Er wird uns heute zusammen mit Sascha über die Alpen nach Florenz fliegen. Die zu Anfang erwähnten Tücken des Wetters in Florenz machen sich beim Briefing und der damit verbundenen Wetterplanung bemerkbar.

Aller Voraussicht nach müssen wir mit Rückenwind landen. Dadurch ergibt sich eine höhere Anflugsgeschwindigkeit, die den Bremsweg auf der ohnehin schon kurzen Piste verlängert. Gleichzeitig wollen wir genügend Reservesprit mitnehmen, um im Falle eines Falles durchstarten und den Anflug noch einmal beginnen zu können oder, wenn es die Bedingungen erfordern, an einen anderen Flughafen auszuweichen – Safety first! Mehr Kerosin bedeutet aber wiederum mehr Gewicht und damit einen noch etwas längeren Bremsweg. Hier gilt es, die richtige Balance zu finden. Thomas und Sascha haben alles so vorbereitet, dass wir mit einem maximalen Rückenwind von 12 Knoten im Endanflug sicher landen können. Jetzt muss nur noch der Wettergott mitspielen.

Nachdem die Cockpit-Crew alle Vorbereitungen getroffen hat, treffen wir die Kabinenbesatzung zum Briefing. Wenig später geht es zum Bus, der uns ans Flugzeug bringt. Unsere Maschine, die Bravo Hotel, ausgeliefert im Mai 2017, wartet auf dem Vorfeld auf uns. Ab ins Cockpit!

Kapitän Thomas Bieri im Cockpit der C Series

Thomas wird auf dem kompletten Hinflug Pilot Flying sein, sprich: das Flugzeug steuern. Sascha fungiert währenddessen als Pilot Monitoring und übernimmt in dieser Funktion unter anderem die Kommunikation mit der Flugsicherung. Auf dem Rückweg wechseln sich Thomas und Sascha dann ab – oder? Fast richtig. Wie eingangs erwähnt, dürfen ausschliesslich Kapitäne in Florenz starten. Thomas wird also den Take-off durchführen und in einer Höhe von 10 000 Fuss das «Steuer» an First Officer Sascha übergeben. Wir bekommen die Freigabe zum Anlassen der Triebwerke und zum Taxi, also zum Rollen zu unserer Startbahn 28.

«SWISS ONE ONE NINER NOVEMBER, CLEARED FOR TAKE-OFF RUNWAY 28!»

Nach einer angenehm kurzen Rollzeit kommt der Moment, der die Herzen eines jeden Aviatikfans höherschlagen lässt. Der Tower erteilt uns die Take-off Clearance: «SWISS ONE ONE NINER NOVEMBER, CLEARED FOR TAKE-OFF RUNWAY 28!» Kapitän Thomas schiebt die Schubhebel seiner CS100 zuerst leicht nach vorn und entfesselt wenige Sekunden später die Kraft der zwei PW1524G-Triebwerke. Diese fallen für ein Flugzeug dieser Grösse recht stark aus und so beschleunigen wir zügig, bis wir die Abhebegeschwindigkeit von 130 Knoten, also rund 240 km/h, erreicht haben.

Nur wenig später steigen wir in den Zürcher Nachmittagshimmel in Richtung Italien. Dabei fällt mir einmal mehr auf, wie leise die C Series im Vergleich zu anderen Flugzeugen ist. Wir stärken uns mit einem kleinen Espresso und einem Snack, während wir der Reiseflughöhe entgegensteigen. Hierbei zeigen sich die Schweizer Alpen einmal mehr von ihrer schönsten Seite.

Doch allzu viel Zeit bleibt der Crew nicht, um sich zurückzulehnen und das Panorama zu geniessen. Da der Flug heute relativ kurz ist, bereiten sich Thomas und Sascha zeitig vor dem Verlassen der Reiseflughöhe auf den kommenden Approach vor. Unsere Anflugroute führt uns von Nordwesten kommend ins Landesinnere. Hierbei behalten wir zunächst eine Höhe von mindestens 11 000 Fuss bei, um den Bergen nicht zu nahe zu kommen. Wenig später werden wir nach rechts in Richtung Südosten abdrehen und dabei kontinuierlich auf 3000 Fuss, also etwa einen Kilometer, sinken, um dann in einer weiteren Linkskurve in den Endanflug auf Runway 05 zu drehen. Auf dem unteren Bild könnt ihr die Route sehr gut erkennen.

Wir passieren 10 000 Fuss. Jetzt heisst es: anschnallen und vollste Konzentration auf den Landeanflug. Während die zwei Jungs vor mir arbeiten, geniesse ich den Blick auf die typisch toskanische Architektur. Dies ist mein erstes Mal in Florenz. Leider wird mir keine Zeit für eine kleine Erkundungstour bleiben – vielleicht beim nächsten Mal.

Vorne ist nun deutlich unsere Landebahn 05 auszumachen. Diese wirkt nicht nur auf den Fotos sehr klein. Die Computerstimme des «Radio Altimeter» zählt die Höhe kontinuierlich herunter, während wir uns dem Flughafen nähern.

«50, 40, 30, 20 … 10!» Kapitän Thomas Bieri setzt sein Flugzeug auf. Aufgrund der sehr kurzen Piste schwebt es nicht zu lange aus – lieber ein etwas deutlicherer Touchdown als wertvolle Meter zum Bremsen verschwenden. Benvenuto a Firenze!

Die Passagiere steigen nach und nach aus und das Flugzeug leert sich. Nun gilt es, den Rückflug nach Zürich vorzubereiten. First Officer Sascha nimmt mich mit nach draussen. Nicht (nur), um die italienische Sonne zu geniessen, sondern um das Flugzeug beim Walk-around zu inspizieren.

Nach einer guten Stunde machen wir uns auf den Weg zu unserer Startbahn 23. Hier gibt es eine kleine Besonderheit: Da es keinen Rollweg gibt, der parallel zur Piste verläuft, machen wir einen sogenannten Backtrack. Das heisst, dass wir die Landebahn in Richtung 05 bis zum Ende hinunterrollen und uns dann um 180 Grad drehen, um zu starten. Auf geht’s nach Zürich.

Nach etwas unter eine Stunde Flug landet Sascha die Bravo Hotel sanft auf der Piste 14.

Über den Autor: Aaron Püttmann (@pilotstories), 25, studierte Aviation Management in Bad Honnef und arbeitet nun bei einem grossen weltweiten Luftfahrtunternehmen. Nebenbei betreibt er mit Pilotstories einen Aviatikblog, in dem er seine Leidenschaft für die Fliegerei mit seinen Leserinnen und Lesern teilt.

Alle Cockpit-Aufnahmen wurden aus dem Beobachtersitz gemacht.

Text & Photos: Aaron Püttmann

SWISS setzte 2016 als erste Airline weltweit auf das innovative Kurz- und Mittelstreckenflugzeug C Series von Bombardier. Im Sommer 2018 übernahm Airbus eine Mehrheitsbeteiligung an der C Series und gab ihr einen neuen Namen: Airbus A220. Nach Anpassung aller technischen und kommerziellen Systeme hat SWISS am 27. Oktober 2019 ebenfalls auf die Bezeichnung Airbus A220 umgestellt.