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Was es bedeutet, Pilotin zu sein

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Täglich stehen Millionen Leute am Flughafen-Check-in, geben ihr Gepäck auf und strömen durch die Sicherheitskontrollen. Noch kurz warten am Gate, und nach dem Boarding ist die Arbeit bis zur Ankunft getan. Man lehnt sich zurück und reist von A nach B. Doch was passiert währenddessen im vordersten Bereich des Flugzeugs? Wie anspruchsvoll ist so eine Rotation auf der Langstrecke und wie lässt sich der Pilotenberuf mit Freizeit und Familie vereinbaren? Wir haben SWISS Boeing 777 First Officer Judith Niedmers auf ihrer Rotation nach San Francisco begleitet und hinter die Kulissen des Pilotenberufes geblickt.

Judiths Tag beginnt um 11:00 Uhr im Operation Center beim Flughafen Zürich. Hier trifft sie auf den Commander und den zweiten First Officer ihres Fluges für das gemeinsame Briefing. Zuvor haben sich alle bereits individuell auf den heutigen Arbeitstag vorbereitet. Gemeinsam besprechen die drei Piloten die Wetterlage, die Anzahl der Passagiere, das Gewicht des Flugzeuges, die optimale Route und die benötigte Kerosinmenge. Unzählige Faktoren werden mit einberechnet und verschiedene Szenarien durchgespielt. Danach geht es zum Briefing mit der Cabin Crew. Auch wenn sich die meisten zum ersten Mal sehen, herrscht gleich ein lockerer, kollegialer Umgang untereinander. Zum Schluss setzen sich die Piloten noch einmal zu dritt zusammen und besprechen die verschiedenen Flugphasen, bevor es durch die Crew-Sicherheitskontrolle direkt zum Flugzeug geht. Vor dem Start wird viel gefunkt, bis man endlich auf dem Runway bereit zum Abheben ist. Beim Start sind alle drei Piloten im Cockpit und es herrscht die sogenannte Sterile Cockpit-Phase, bei der sich die Piloten auf den Start vorbereiten. Erst als sie 10.000 Fuss erreichen, können sie sich auch anderen Themen zuwenden. Zum Beispiel dem sogenannten Fatigue Risk Management: Um beim Fliegen jederzeit ausgeruht zu sein, schläft jeweils einer der drei Cockpit Crew Member, während die anderen beiden den Flug durchführen. Judith geht als Erstes schlafen. Im oberen Teil der 777 gibt es einen Schlafbereich mit Betten, in dem die Piloten abwechselnd ausruhen können. Die Ruhezeit beträgt jeweils ein Drittel der Flugzeit, wobei klar festgelegt ist, wer wann im Cockpit sitzt. Auch die Arbeitsaufteilung zwischen den jeweils fliegenden Piloten ist immer ganz klar. Jeder hat einen klar zugewiesenen Aufgabenbereich, je nachdem, welche Funktion er gerade ausübt. Der Pilotenberuf ist ein prozesshafter Beruf, bei dem zahlreiche Daten kontinuierlich abgeglichen werden und stetige Konzentration erfordert wird. Der Mythos, dass es bei eingeschaltetem Autopiloten nichts zu tun gibt, bewahrheitet sich also nicht.

Trotz kontinuierlichem Monitoring und fortlaufenden Berechnungen bleibt im Cockpit auch Zeit zum Reden. Judith erzählt, wie sie zum Pilotenberuf gekommen ist. Als sie 16 Jahre alt war, machte sie einen Schüleraustausch in Kanada. Ihr dortiger Gastonkel war Pilot und sie durfte zum ersten Mal in einem Kleinflugzeug mitfliegen. Die Begeisterung für den Pilotenberuf entfachte schnell. Zum 18. Geburtstag bekam sie von ihrer Mutter Flugstunden geschenkt, durch welche der Pilotenberuf endgültig zu ihrem Traum wurde: «Es war mein Plan A, es gab keinen Plan B.» Als es bei der ersten Bewerbung bei einer Airline nicht klappte, entschloss sie sich für eine Privatpilotenausbildung. «Finanziell war das bestimmt ein Risiko, welches mir damals noch nicht in vollem Umfang bewusst war», erzählt Judith. Für sie hat sich die Investition aber gelohnt. Nach der Ausbildung hat sie sich schon bald erfolgreich als Pilotin bei SWISS beworben und war innerhalb von zwei Jahren Pilotin der damaligen Avro RJ-Flotte.

«Als Pilotin habe ich das Glück, dass man zwar einen festgelegten Karriereweg hat, dieser aber immer wieder neue Herausforderungen bringt. Man entwickelt sich ständig weiter.» So steigt man vom First Officer der Kurzstrecke zur Langstrecke auf, danach geht man als Commander zurück auf dieKurzstrecke und zum krönenden Abschluss wird man Commander der Langstrecke. Darüber hinaus sorgen auch das Training im Flugsimulator für Abwechslung sowie die Tatsache, dass man auf jedem Flug mit einer neuen Crew zusammenarbeitet. Falls einem das nicht Abwechslung genug ist, gibt es noch viele andere Möglichkeiten, den Pilotenberuf zu variieren, zum Beispiel, indem man sich als Fluglehrer, fürs Flottenmanagement oder für eine andere Teilzeitbürotätigkeit bewirbt.

«Als ich damals die Ausbildung startete, hatte ich eigentlich keine klare Vorstellung, wie der Alltag als Pilotin konkret aussehen würde, ausser, dass man oft mit Koffer unterwegs ist. Das trifft definitiv zu.» Der Pilotenalltag habe im Allgemeinen viele Vorteile. Es beginnt bei kleinen Sachen, wie dem Wäschewaschen, was man durch die organisierte Reinigung der Uniformen viel seltener machen muss als Leute mit einem Bürojob. Auch in den Freitagen sieht Judith Vorteile: «Auf der Langstrecke habe ich ca. 14 Tage im Monat frei, wovon ich einige für den Schlafausgleich brauche. Das Gute daran ist, dass unter die freien Tage oft gewöhnliche Werktage fallen, wodurch zum Beispiel Handwerkertermine nie ein Problem darstellen.» Einzig, dass man seine Tage oft schon im Voraus planen muss, kann herausfordernd sein. «Man ist auf die Flexibilität seiner Freunde angewiesen, bei mir funktioniert das relativ gut», erklärt die junge Pilotin. Auch sonst hat Judith neben dem Beruf Zeit für verschiedenste Freizeitaktivitäten. So ist sie sowohl bei den SWISS Singers als auch als Captain des SWISS Segel-Teams engagiert. «Das Gute an diesen SWISS-internen Vereinen ist, dass die Kollegen die unregelmässigen Arbeitszeiten kennen und es verstehen, wenn du deswegen mal keine Zeit für eine Probe hast.» Auch für die Familienplanung sieht Judith im Pilotenalltag kein Hindernis. Sie erzählt, dass sie viele Fliegende mit Kindern kennt, bei denen es gut funktioniert.

Dann wird darüber diskutiert, weshalb Frauen im Pilotenberuf stark in der Unterzahl sind. «Es könnte daran liegen, dass der Beruf eher männlich konnotiert ist und es weniger weibliche Vorbilder gibt. Auch die genderspezifische Erziehung könnte ein Grund sein. Mädchen bekommen heute wahrscheinlich nach wie vor seltener ein Flugzeug zum Spielen als Jungs. So kommen sie seltener überhaupt auf die Idee, den Pilotenberuf zu ergreifen.» Wichtig sei, dass die Leute verstehen, dass bei der Selektion von Pilotinnen und Piloten kein bestimmtes Geschlecht präferiert wird. Je mehr Frauen es in diesem Beruf gibt, desto mehr weibliche Vorbilder werden junge Mädchen hinsichtlich dieses Berufes haben. «Auch meine männlichen Kollegen hätten gerne mehr Frauen im Cockpit.» Dem stimmen sowohl der First Officer als auch der Commander – beide männlich – unisono zu.

In der Zwischenzeit sind wir nach elf Stunden Flugzeit bei der Vorbereitung des Landeanflugs angelangt. Hier ist Judiths volle Konzentration gefragt, da sie für die heutige Landung zuständig ist. Es wird wieder viel gefunkt, gerechnet und diskutiert, um den optimalen Anflug zu planen. Dabei bewahrt sie stets die Ruhe, obwohl der Landeprozess sehr anspruchsvoll ist und viel Adaptionsfähigkeit verlangt. Einmal die Wolkenschicht durchbrochen, beginnt ein atemberaubender Anflug über das Wasser hinweg direkt in Richtung Landebahn des Flughafens von San Francisco.

Während der freien Zeit in San Francisco, dem «Layover», kann Judith ihren Aufenthalt individuell gestalten. «Man hat eigentlich immer die Möglichkeit, mit jemandem aus der Crew etwas zu unternehmen, kann aber auch eigene Pläne verfolgen, wenn man das lieber möchte. So können sich alle ihren Aufenthalt nach eigenen Interessen gestalten. Jetzt, wo ich noch relativ neu auf der Boeing 777 bin und so immer wieder neue Destinationen entdecke, gehe ich oft auf Erkundungstour. Crewmitglieder, welche die Destination bereits gut kennen, haben vielleicht andere Pläne. Viele haben an einigen Destinationen bereits einheimische Freunde und Bekannte, die sie während eines Aufenthaltes treffen können.»

Zum Schluss erzählt mir Judith noch von den Highlights ihrer Pilotenlaufbahn. Das wohl bewegendste Erlebnis nahm seinen Anfang in der Pilotenschule. «Ich hatte einen Fluglehrer, der aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist und zuerst lange als Taxifahrer gearbeitet hat. Dabei hat er Geld gespart, um sich die Pilotenausbildung zu finanzieren. Der Pilotenberuf war schon immer sein Traum. Nach der Pilotenschule konnte er als Instruktor arbeiten, wo ich oft mit ihm geflogen bin. Das hat immer viel Spass gemacht. Als ich später einmal auf einem Linienflug flog, hörte ich plötzlich seine Stimme im Funk. Er hatte sich in der Zwischenzeit auch zum Berufspiloten weitergebildet. Es war ein so schöner Moment, da er eine solch beeindruckende Hintergrundgeschichte hatte.»

Mitten in der Nacht Schweizer Zeit treten wir den Rückflug an. Hier zeigt sich wieder: Der Pilotenberuf ist anspruchsvoll und erfordert Anpassungsvermögen. Die Mühen werden aber durch die täglich neuen Eindrücke, die einmaligen Erlebnisse und den unvergleichlichen Ausblick aus dem Cockpit mehr als wettgemacht.