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Ein Tag im Leben einer Flugschülerin

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08.10 Uhr: Ein kühler, aber sonniger Februarmorgen auf dem Flugplatz Grenchen im Kanton Solothurn. Im hinteren Teil des Platzes steht ein unscheinbares, weisses Gebäude. Es ist mit European Flight Academy beschriftet. Im oberen Stock des Gebäudes bereitet sich die zwölfköpfige Pilotenklasse 4/18 auf den Flugtag vor. Heute begleiten wir Malva, eine Flugschülerin der ersten Flugphase in Grenchen.

Zwei Schüler bereiten gerade die Präsentation des Wetters vor, als die Fluglehrer das Zimmer betreten. Einer von ihnen scheint neu zu sein, er stellt sich bei allen Schülern einzeln vor, was sofort eine kollegiale, entspannte Atmosphäre schafft. Danach fängt der Unterricht an.

Die beiden Schüler präsentieren die heutige Wetterlage, wobei sie lauter Zahlen- und Buchstabenkombinationen verwenden, die für einen Laien kaum verständlich sind. Die anderen Schüler scheinen jedoch alles genau zu verstehen, sie hören aufmerksam zu und machen fleissig Notizen.

Nach der Präsentation meldet sich der Kursleiter zu Wort. Er gibt einige Erklärungen zum Tagesverlauf ab und stellt sich dann für Fragen zur Verfügung, worauf viele Hände in die Luft gehen. Die Atmosphäre lässt sich mit der an einem Gymnasium vergleichen, nur dass die Schüler wissbegieriger sind. Nach ungefähr einer Viertelstunde wechselt die Klasse zu einem Gebäude, welches näher am Hangar liegt. Sie werden in Dreiergruppen eingeteilt, wobei sich jede von ihnen einen Fluglehrer und ein Flugzeug teilt. Sie werden sich mit dem Fliegen abwechseln und bereiten sich nun gemeinsam auf den ersten Flug vor. Hier lernen wir Malva kennen. Trotz ihres jungen Alters wirkt die 21-jährige Ostschweizerin reif, selbstbewusst und kompetent, als wisse sie immer genau, was zu tun ist. Gemeinsam mit ihren Klassenkameraden bespricht sie die Aufgaben und die Bedingungen für den kommenden Flug. Dazu verwenden sie ein iPad, eine Karte und einen kleinen Ordner mit Checklisten und Informationsblättern. Bei der Treibstoff-Berechnung berücksichtigen sie alle möglichen Faktoren, auch das Gewicht des Fluglehrers und des mitgeführten Gepäcks. Es wird sorgfältig und präzise gearbeitet, gleichzeitig scheinen die Flugschüler viel Freude und Begeisterung für ihre Aufgaben zu haben. Als nächstes holen sie in Dreier-Teams die Schulflugzeuge des Typs DA40NG aus dem Hangar. Dies geschieht unkompliziert und schnell, man versteht sich ohne grosse Worte. Auch wenn sich die Schüler erst seit November kennen, macht es den Eindruck, als wäre ein starker Zusammenhalt vorhanden.

Die Ausbildung

Jetzt ergibt sich die Gelegenheit, ein wenig mit Malva zu reden. Sie erzählt von ihrem Alltag in der Flugschule. Die Pilotenklasse 4/18 befindet sich in der ersten Flugphase der Pilotenausbildung. Zuvor besuchte sie für sieben Wochen eine erste Theoriephase, welche sie fundiert auf das Fliegen vorbereitet hat. Die Flugphase findet in Grenchen statt, die Unterkunft wird von SWISS gestellt, weshalb alle zwölf Flugschüler zusammenwohnen. «Es ist wie in einer riesigen WG», erzählt Malva, «jeden Tag ist jemand anderes für das Abendessen zuständig. Besonders seit wir in Grenchen sind, ist unser Zusammenhalt noch stärker. Wir sind hier 24 Stunden am Tag zusammen und haben alle dasselbe Ziel, das verbindet sehr.»

Das beschriebene Leben in der Flugschule wirkt ein wenig wie in einem Klassenlager mit erwachsenen Schülern. Malva schwärmt, dass hier jeder so sein kann, wie er ist und dass alle freundschaftlich miteinander umgehen. Auch vom Inhalt ihrer Ausbildung spricht Malva voller Begeisterung. «Die Ausbildung ist noch schöner als gedacht. Ich bin hier so glücklich wie noch nie. Ich freue mich jeden Tag auf das, was kommt. Bereits in der Theoriephase hat mich jedes Fach gepackt, sodass die Konzentration immer von alleine kommt.» Alle seien motiviert und die Stimmung sei sehr gut.

«Während der Flugphase sind die Tage anstrengend. Der Tagesablauf ist immer ähnlich, nur dass wir während der Flüge immer etwas anderes üben.» So komme jeder täglich auf ein bis zwei Flüge. Malva selbst fehlen im Moment noch drei Flüge bis zu ihrem ersten Soloflug. Als sie das erzählt, zieht sich ein breites Grinsen über ihr Gesicht und ihre Augen beginnen zu leuchten. «Der Soloflug wird definitiv mein Highlight sein. Ich glaube, das geht jedem so.»

Malvas Weg zur Pilotenausbildung

Eines wird sofort klar: Malva liebt das Fliegen und die Pilotenausbildung. Doch wie ist es dazu gekommen? «Das klingt jetzt lustig, aber tatsächlich war es ein Artikel im einem Magazin, der mir den Pilotenberuf nähergebracht hat. Das war in der zweiten Hälfte des Gymnasiums. Zuvor wusste ich nicht, was ich machen soll, weshalb ich mich für die Matura entschieden habe.» Sie sei schon immer technisch interessiert gewesen, konnte aber keinen Beruf ausfindig machen, an dem sie alles begeistert hätte, bis sie auf den Pilotenberuf gestossen ist. Dieser verbinde ihr technisches Interesse mit der Freude am Reisen. «Von dem Moment an wusste ich endlich, was ich werden will. Spätestens, als ich nach der Matura das SPHAIR (Flugprogramm für junge Fluginteressierte) besucht habe und meinen ersten Flug absolvierte, war ich voll und ganz überzeugt, dass es dieser Beruf und kein anderer ist.»

Nach ihrem Studium des Maschinenbaus in Lausanne hat sich Malva im Alter von 20 Jahren für die Pilotenausbildung beworben. Das Studium wies für sie den stärksten Bezug zu Flugzeugen auf – erfüllt habe es sie aber nie ganz. Dennoch habe sie in dieser Zeit einen wichtigen Reifeprozess durchgemacht, der sie auf die Pilotenausbildung vorbereitet hat. «Mein Studium hat mich sogar ein wenig auf die mathematischen Aufgaben im Assessment vorbereitet. Ich denke aber, dass man alle Assessmentstufen auch ohne Studium, mit der entsprechenden Vorbereitung schaffen würde». Das einzige, worauf man sich gar nicht vorbereiten könne, sei der Gruppentest. Hier wird analysiert, wie man sich in der Gruppe verhält. «Es ist gut, dass es hierfür keine Vorbereitung gibt, denn dort geht es vor allem darum, man selbst zu sein», meint Malva. Im Allgemeinen finde sie die Angst vor dem Assessment unbegründet. Wenn man den Traum habe, Pilot/in zu werden, sollte man es auf jeden Fall probieren. Selbst wenn man beim ersten Anlauf scheitert. «Auch ich habe zuerst über einen anderen Weg versucht, zum Pilotenberuf zu kommen», sagt sie. «Ich habe mich in meinem Zwischenjahr als Militärpilotin beworben und wurde abgelehnt. Das hat meiner Motivation aber keinen Abbruch getan, was sich im Assessment ausgezahlt hat. Dort erwarb ich nicht nur die Zulassung für die Flugschule, sondern auch die Ausbildungsfinanzierung durch SWISS. Ich hätte die Schule wohl auch mit einer blossen Zulassung gemacht, muss jedoch sagen, dass dieses Finanzierungsangebot unschlagbar ist.» Die Pilotenausbildung wird vom Bund sowie SWISS gefördert und unterstützt. Der Restbetrag der Ausbildungskosten, welcher nach erfolgreichem Abschluss und Berufseinstieg bei SWISS monatlich abgezogen wird, wird via Stundungsmodell ebenfalls durch SWISS vorfinanziert. Dadurch müssen Schüler/innen zu Beginn der Ausbildung nicht selber für die Kosten aufkommen.

Starke Berufe – Starke Frauen

Leider sind Frauen im Pilotenberuf wie auch in der Pilotenschule immer noch stark unterrepräsentiert. Aber wieso eigentlich? Für Malva gibt es dafür keinen Grund. «Ich kann mir nicht vorstellen, woran es liegen könnte. Ich wurde bis jetzt immer genau gleich wie alle anderen behandelt, während des Assessments, während der Flugschule und auch innerhalb der Klasse. Ich bin überall genau gleich eingebunden wie alle anderen und erfahre weder Vor- noch Nachteile.» Das Einzige, was sie manchmal höre, sei, dass sich die Leute freuen, wieder einmal eine Frau in der Pilotenausbildung zu sehen. Viele wünschen sich also ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. «Auch von meiner Familie und meinen Freunden höre ich nur Positives zu meiner Berufswahl», sagt Malva. «Ich kann allen jungen Frauen, die sich für den Beruf interessieren, nur raten, an einer Informationsveranstaltung teilzunehmen, das Angebot von SPHAIR wahrzunehmen und sich für das Assessment zu bewerben. Verlieren kann man dabei nichts.»

Zuletzt erzählt mir Malva noch von ihren Träumen. «Mein Ziel ist es, Captain auf der Langstrecke zu werden. Ich denke, es verstecken sich noch viele Karrieremöglichkeiten in der Pilotenlaufbahn, an die ich noch gar nicht gedacht habe. Egal was kommt, der Pilotenberuf wird mich auf jeden Fall glücklich machen.»