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Time to Say Goodbye

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Da war es nur noch einer … Am 3. Juli wurde der zweitletzte SWISS Avro RJ100 HB-IYU nach Cranfield überflogen. Im Cockpit sassen Fleet Chief Michael «Mick» Weisser und Deputy Fleet Chief Peter Huber. In der Kabine verwöhnten die beiden M/C Barbara Golderer und Sven Lucek die Journalisten, die zu dieser Reise eingeladen wurden, sowie uns SWISS interne Begleiter des Social-Media- und Kommunikationsteams. Alle vier Crewmitglieder haben viele Jahre Avro-Erfahrung – und entsprechend spannende Geschichten zu erzählen. Dabei gibt es – das liegt in der Natur der Sache – lachende und weinende Augen.

«Wenn ein einziges Flugzeug nun die ganze Flotte bildet, ist das schon ein wenig seltsam», sagt Mick Weisser etwas nachdenklich. «Aber zu Beginn, als wir die ersten Avros abgeben mussten, war ich eindeutig emotionaler. Und das ging allen so, auch den Mechanikern, die diese Flugzeuge teilweise extra auf dem Standplatz verabschieden kamen.» Inzwischen sei es für ihn etwas normaler geworden. Mick Weisser fliegt den Avro seit neun, Peter Huber gar seit elf Jahren. «Wir haben jahrelang sehr viel Herzblut in diese Flotte gesteckt», so Peter Huber, «und nun, ja nun schaffen wir uns quasi selbst ab.» Aber als eher rationale Menschen, was Piloten eben sind, wüssten sie alle genau: «Es gilt, es zu akzeptieren.»

Natürlich geht es sowohl für Peter Huber als auch für Mick Weisser weiter, beide werden nach Abschluss der Phase-out-Phase auf die C Series umgeschult. Aber noch sind sie im Avro-Fieber. Und so gibt es denn auch bei beiden während des Überflugs nach Cranfield kein weinendes Auge, das den ausgeflotteten Flugzeugen nachtrauert, sondern ein lachendes. Die letzten beiden Legs mit dem HB-IYU führen zuerst nach Rotterdam zur Verzollung und dann nach Cranfield zur Besitzerfirma Falko, von der die SWISS das Flugzeug geleast hatte. «Eine solche Operation ist in der Vorbereitung und Durchführung sehr interessant, darauf freut man sich», so Peter Huber.

Ein Traktor, ein U-Boot oder ein Hase?

Den Avro zu fliegen, ist nach wie vor für alle ein spezielles Erlebnis. «Der Avro ist ein Traktor», sagt Peter Huber, «da ist fliegerische Handarbeit gefordert.» Einen anderen, nicht weniger originellen Vergleich zieht M/C Sven Lucek: «Die Türe mit diesem Hebel erinnert mich immer an ein U-Boot», sagt er lachend. «Dort sieht das doch auch so aus.» Speziell sei auch, dass man die Treppe immer dabei habe, so auf niemanden angewiesen und deshalb sehr flexibel sei. Und alles sei mechanisch und nicht elektronisch, weshalb man immer alles gut habe reparieren können. Der einzige Nachteil sei die fehlende Lüftung, ergänzt Sven Lucek, «im Sommer war es deshalb jeweils sehr heiss, im Winter sehr kalt.»

Sowohl Sven Lucek, der seit 2003 auf dem Avro fliegt, als auch Barbara Golderer, die ihren ersten Avro-Flug 2006 hatte, wünschten damals von sich aus, dass sie auf diesen Flugzeugtypen geschult werden. Die kleine Crew, das Persönliche, das Familiäre, das ist es, was die beiden in hunderten von Flugstunden immer geschätzt haben. «Ich liebe den Avro», schwärmt Barbara Golderer. Er sei ein «Oldtimer» im positiven Sinne und mache spezielle, unverkennbare Geräusche. «Und eigentlich ist es für mich gar kein Flugzeug», verrät sie und ihr Vergleich führt nun sogar ins Tierreich, «es ist für mich eher ein Hase, wegen der Flügel, die wie Schlappohren aussehen. Ich werde ihn sehr vermissen.» An ein tatsächlich tierisches Erlebnis erinnert sie sich denn auch speziell. «Weil wir im Cargo kein Abteil für Tiere hatten, transportierten wir einmal kurzerhand einen Lemur von Prag nach Zürich in der Kabine. Natürlich in einer sicher verschlossenen Kiste. Dennoch gab es einige staunende Augen der Passagiere. Im Avro war halt irgendwie immer alles möglich.»

Noch sind rund 50 Piloten und circa 330 Cabin Crew Members Avro-qualifiziert. Die letzten Flüge mit dem nun noch einzigen SWISS Avro HB-IYZ werden Mitte August stattfinden. Die Avro-Fans unter den Crew Members werden ihn vermissen. Mick, Peter, Sven und Barbara schwelgen bereits jetzt mehr oder weniger emotional in Erinnerungen. «Es ist sicher richtig, dass nun eine neue Phase kommt», findet Mick Weisser. «Aber der erste Flugzeugtyp, den man flog, wird einem halt schon für immer ganz besonders in Erinnerung bleiben.» «Einen Lieblingsflieger in der Flotte hatte ich nicht», so Peter Huber, «aber der HB-IYS mit der Alpaufzug-Livery war schon speziell. Generell finde ich, wenn man sieht, in welchem Zustand wir die Flugzeuge weitergeben, hätte man sie schon noch eine Zeit lang fliegen können.»

Sven Lucek zieht mit einem Augenzwinkern den Vergleich mit einer Partnerschaft: «Es ist wie bei einer Freundin. Wenn man bereits etwas Neues in Aussicht hat, ist die Verlustangst nicht ganz so gross.» «Ich bin da etwas emotionaler als du», entgegnet darauf Barbara Golderer, «es wird für mich nie mehr einen so herzigen Flieger geben wie den Avro.» Ein kleiner Trost mag für alle sein, dass einige der SWISS Avros in neuem Auftrag weiterfliegen werden. Zum Beispiel auch der eben nach Cranfield überführte HB-IYU. Seine nächste Etappe führt ihn nach Südamerika, er wird in Peru weiterfliegen!

 

Bild/Text: Silvia Exer-Kuhn