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Behind the scenes: Take-off mit Andreas Leemann

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Auch wenn er in seiner Uniform alle Blicke auf sich zieht: Andreas Leemann ist sichtlich eher der bescheidene Typ. Mit Leidenschaft in den Augen erzählt der 32-Jährige, wie er zu seinem Traumberuf gekommen ist. Oder vielmehr: Zu seinen Traumberufen. Nach der Matura ging er seinem Bubentraum nach, Lokführer zu werden. Doch irgendwie reichte ihm der Ausblick aus dem Führerstand nicht. Als er vor acht Jahren privat mit einer Pilotenkollegin mitfliegen durfte, war der Fall klar: Pilot soll es sein!

Aus Propellerfliegern während seiner Ausbildung wurde ein fast 38 Meter langes Verkehrsflugzeug mit einer maximalen Geschwindigkeit von 850 Stundenkilometern: Der Airbus A320. «Am liebsten fliege ich, wie heute nach Barcelona, Richtung Süden – wegen des Ausblicks auf die Berge.»

Zu 75 Prozent bei der SWISS und 25 Prozent bei den SBB angestellt, geniesst er heute das Privileg, beide seiner Traumberufe auszuüben. «Es klappt wunderbar, alles unter einen Hut zu bringen. Wichtig ist mir aber auch, dass ich wenn möglich neun Stunden schlafen kann pro Nacht und im Sport den nötigen Ausgleich finde.» Fit für den Flug geht es kurz vor 11 Uhr in den Briefingraum. Dort wird schnell klar, dass der Beruf des Piloten weit mehr umfasst, als bloss ein Flugzeug von A nach B zu transportieren. Piloten sind quasi Mathematiker, Physiker, Meteorologen und Manager in einem. Nicht nur Flugrouten, Flughafenpläne und Wetterprognosen gilt es zu studieren und zu verstehen. Andreas ist auch verantwortlich dafür, alle wichtigen Fluginformationen zusammenzutragen, um sie später detailliert mit Flugkapitän Marcel Amherd zu besprechen.

Um 11.30 Uhr wird die gesamte Crew über Flugzeit, Wetter und andere Details informiert. Danach geht es durch die Sicherheitskontrolle und im Bus weiter zum Flugzeug. Der Ferienbeginn macht sich auch in Zürich bemerkbar: Die Verkehrsüberlastung führt zu Verspätungen – Umstände, die die Crew nicht beeinflussen kann. «Solche Tage sind anstrengend. Insbesondere für das Kabinenpersonal. Auch sie bleiben den ganzen Tag über im Flugzeug und kommen kaum zum Essen.»

Unbezahlbare Momente

«Take off – you have control» – «I have control» Während der Hinflug nach Barcelona von Marcel durchgeführt wurde, hat beim Rückflug Andreas das «Steuer» in der Hand. Insbesondere die manuell ausgeführten Starts und Landungen erfordern höchste Konzentration und ausgeprägtes Teamwork. Die Wolken ziehen am Cockpit vorbei. Per Funk wird mit den Fluglotsen am Boden kommuniziert. Nach etwa 15 Minuten haben wir die Reiseflughöhe von fast 12 Kilometern erreicht.

Wenn die beiden von ihrem Beruf sprechen, ist nicht nur eine enorme Leidenschaft, sondern auch Stolz spürbar. Zu Recht – denn sie vollbringen Tag für Tag höchst verantwortungsvolle Leistungen, die für viele Menschen bereits selbstverständlich geworden sind. «Umso schöner ist es, wenn sich die Passagiere für den Flug bedanken», so Amherd. Eine Wertschätzung, die für die hinter verschlossenen Türen arbeitenden Piloten extrem wichtig ist. Kurz vor Zürich fliegen wir im Landeanflug über den Mont Blanc, das Matterhorn und ihre gigantischen Nachbarn, deren Gipfel vom Abendrot umspielt werden. Eine unfassbare Stimmung, die selbst die routinierten Flieger verstummen lässt.

«Solche Momente sind unbezahlbar!» Oh ja, spätestens jetzt verstehe ich, wieso Andreas diesem Beruf verfallen ist und was er mit dem Ausblick auf die Berge meinte. Welcome to the sunny side of life!

Ask the pilot: Macht es einen Unterschied, ob man bei Tag oder bei Nacht fliegt?

Grundsätzlich werden Linienflüge unabhängig von Tageszeit und Wetterbedingungen in Form von Instrumentenflügen, das heisst mit Hilfe von Instrumenten an Bord und durch Unterstützung der Fluglotsen, durchgeführt. In der Nacht können Gewitterwolken jedoch nicht von blossem Auge gesehen werden. Diesbezüglich hilft uns das im Flugzeug eingebaute Wetterradar, das uns frühzeitig vor Unwettern warnt. Hinzu kommt, dass in Küstennähe mit der Dunkelheit und der damit verbundenen Abkühlung des festen Bodens die Winde drehen. Das heisst, dass dort, wo der Wind bei Tag vom Meer zum Land bläst (Sea Breeze), es nachts vom Land aufs Meer windet. Dementsprechend wird für Start und Landung die Pistenrichtung jeweils gegen den Wind gewählt. Neben Wetterphänomenen gilt es auch die menschlichen Faktoren zu beachten. Der menschliche Körper verspürt bei Dunkelheit schneller das Bedürfnis nach Schlaf und Regeneration – entsprechend gelten bei Nacht auch angepasste Arbeitsbedingungen.

All dies sind Herausforderungen, die von uns Piloten gut gemeistert werden können. Ein Flug bei Nacht hat auch seinen Reiz: Der Anblick eines sternenklaren Himmels oder der vom Mond beleuchteten Berge ist immer wieder faszinierend!

Text: Valérie Ziegler / Fotos: Jennifer Ries