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An Tagen wie diesen – Mein erster Flug vorne rechts

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Wie die ersten Schritte des Kinds für die jungen Eltern unvergesslich sind, gibt es Ereignisse in einer Pilotenkarriere von denen man noch seinen Grosskindern erzählen wird.  Ein Flug nach Berlin Tegel ist heute meist Alltag für mich. Jener an einem trüben Montag im Oktober 2010 ein grosser Tag in meinem Leben. Damals durfte ich meine ersten Schritte als Linienpilot machen.

Heute war es also so weit, worauf ich zahlreiche Jahre hingearbeitet habe. Der Tag, an dem ich meine Pilotenuniform das erste Mal für den Einsatz anziehen durfte und auf dem Pilotensitz vorne rechts Platz nehmen würde. Voller Vorfreude und mit einer gewissen Portion Nervosität melde ich mich kurz nach Mittag zu meinem ersten Flugdienst. Angehende Piloten der Swiss International Air Lines geniessen eine umfangreiche Ausbildung, die mit einer knapp drei-monatigen Streckeneinführung abgeschlossen wird. Wird diese Phase erfolgreich beendet, erfolgt die Ernennung zum First Officer. Damit die ersten Tage im Streckeneinsatz möglichst reibungslos verlaufen und der Jungpilot besonders viel profitieren kann, wird er von zwei erfahrenen Kollegen unterstützt. Zum einen ist es ein Captain und Fluglehrer und zum anderen ein First Officer mit Zusatzausbildung. Diese werden bei der Swiss Ausbildungs-First Officer (AFO) genannt und begleiten die Piloten in Spe bei ihren ersten Einsätzen. Wie verabredet treffe ich meinen AFO, und angeleitet von ihm sammle ich die nötigen Flugunterlagen.

Alles geht unglaublich schnell an diesem Tag. Gemeinsam mit dem Captain arbeiten wir uns durch die zahlreichen Flugunterlagen, bestimmen die Treibstoffmenge für den Flug nach Berlin und informieren die Kabinenbesatzung über den bevorstehenden Flugtag. Meine Besatzung und ich werden heute zuerst nach Berlin Tegel und zurück und anschliessend nach Wien fliegen und dort übernachten.
Hin und wieder gibt mir mein AFO wichtige Tipps oder zeigt mir Dinge, die später selbstverständlich sein werden. Die Sicherheitskontrolle und Busfahrt zum Flugzeug vergehen innert Sekunden. Meine Gedanken sind schon lange im Cockpit und bei den bevorstehenden Aufgaben. Kaum habe ich meinen Platz eingenommen, steigen bereits die ersten Passagiere ein. In wenigen Minuten wird es losgehen. Noch etwas umständlich gehe ich durch die Checklisten und  bespreche  den Abflug mit meiner Crew.

Es geht los!

Pünktlich bewegen wir unsere «Papa-Tango» in Richtung Piste 28. Die Kabine ist bereit, die Checklisten erledigt und schon erhalten wir die Startfreigabe: «Swiss 97Tango, wind 210°/5kts, runway 28, cleared for take-off!» Ich schalte die Stoppuhr ein, mein Linienpilotenleben beginnt!
Der Captain schiebt die Schubhebel nach vorne und übergibt mir das Flugzeug. «My controls», nun ist es an mir, die A319 in die Lüfte zu bringen. Hochkonzentriert steuere ich das Flugzeug entlang der Pistenmitte und hebe kurze Zeit später ab. Wir nehmen Kurs Richtung Norden, fahren die Landeklappen ein und schalten den Autopiloten zu. Meine Hand ist leicht schweissig und etwas zittrig, als ich den Steuerknüppel loslasse. Nun realisiere ich erst richtig: Ich fliege! Für einen Moment geniesse ich den Augenblick und schaue zu, wie der Bodensee hinter uns verschwindet.

 Runway 26R, you are cleared to land

Keine 50 Flugminuten später befinden wir uns im Sinkflug in Richtung Piste 26R in Berlin Tegel. Die Grossstadt ist gut zu erkennen, auch den Fernsehturm würde man nun wohl gut sehen können, doch ich bin zu konzentriert, um die Aussicht geniessen zu können. Ich reduziere die Geschwindigkeit, kommandiere das Ausfahren der Landeklappen und des Fahrwerks und schalte den Autopiloten aus. Nun steuere ich erneut knapp 60 Tonnen mit meiner rechten Hand. Einige letzte Hinweise von meinem Ausbildner, und kurze Zeit später setzen wir auf. Ich aktiviere die Schubumkehr und bremse ab. Der Captain übernimmt das Flugzeug, und wir rollen zur Parkposition. Auf der Zuschauerterrasse entdecke ich einen Ballon mit einem Smiley drauf. Doch ich bin sicher, dass in diesem Augenblick mein Grinsen wohl einiges grösser ist.

Ich beobachte meine ersten Passagiere beim Verlassen des Flugzeuges. Hat wohl jemand bemerkt, dass sie heute von einem Piloten geflogen wurde, der zum ersten Mal auf Strecke fliegt?