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Einen Tag bei Line Maintenance

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Was macht man früh morgens am Flughafen Zürich? Ganz klar, man nimmt das erste Flugzeug und fliegt davon. Aber ich habe etwas anderes vor: ich darf SWISS Line Maintenance für ein Interview mit Guido Zurflueh, SWISS Lead Engineer, besuchen und Marco Kuenzler, SWISS Licensed Aircraft Engineer, auf seiner heutigen Mission begleiten.

Es ist noch stockdunkel um 4:30 Uhr morgens. Der Flughafen Zürich aber ist schon lange wach. So auch Guido Zurflueh, SWISS Line Maintenace Lead Engineer, denn schon bald starten und landen die ersten Flugzeuge. Guido holt Kameramann Adrian Bretscher von Hangar Group Entertainment und mich mit einem Line Maintenance Wagen beim Sicherheitstor am Flughafen Zürich ab. Er ist es gewohnt früh aufzustehen sowie an Wochenenden, Feiertagen oder bis spät in die Nacht zu arbeiten. Line Maintenance ist Schichtarbeit und erfordert zeitliche Flexibilität. Die Arbeitszeiten richten sich nach den Ankunfts- und Abflugzeiten der Flugzeuge. Während wir über den Flughafen und durch den Flughafentunnel fahren, erklärt Guido: „Man muss von der Fliegerei angefressen sein, ebenso von der Komplexität, die diese Branche und das Material, mit dem man arbeitet, mit sich bringen. Denn neben Talent und einer grossen Portion Wissen, muss der Job einem auch Freude bereiten.“

Die ersten SWISS Maschinen landen kurz nach 6 Uhr aus Hong Kong, Singapur, Johannesburg, Montreal, Mumbai, Delhi und Dubai. Daher beginnt Guido’s Schicht bereits um 5 Uhr. Das sind 40 Minuten früher als die Line Maintenance Mitarbeiter, die er und ein anderer Lead Engineer, den Flugzeugen zuteilen werden. Die Frühschicht hat daher zwei Gruppen à 6 bis 8 Flugzeugmechaniker für die Langstreckenflotte zur Verfügung. Hinzu kommen noch etwa 8 bis 10 Mechaniker für die Kurzstreckenflieger. Die Spätschicht besteht aus einer Gruppe von 10 bis 12 Mechanikern, aufgeteilt auf Lang- und Kurzstreckenflugzeuge. Allesamt sind sie geprüfte und lizenzierte Flugzeugmechaniker.

Im Bürogebäude der SWISS Line Maintenance angekommen, überprüft Guido im Maintenance Management System einerseits die Aufgaben, die pro Flugzeug anstehen, und andererseits Arbeiten, welche noch von der Nachtschicht übernommen werden müssen. Mit gewohnter Effizienz hat er sich schnell Überblick verschafft und teilt die Line Maintenance Mitarbeiter den verschiedenen Maschinen zu. Dabei achtet er als Lead Engineer auf ihre Kenntnisse, deren Ausbildungsgrad und koordiniert Aufgaben, die ad-hoc auftauchen.

Unter ihnen ist Marco Kuenzler, seit 2007 lizenzierter Flugzeugmechaniker und seit 2012 bei SWISS als Line Maintenance Mitarbeiter tätig. Bis Marco’s Schicht beginnt, frage ich Guido noch kurz über seine Funktion aus. Voraussetzungen für den Job als Lead Engineer, so sagt Guido, sei es Ruhe zu bewahren, die Gesamtübersicht über alle Flugzeuge zu behalten und in schwierigen Situationen nicht das Kartenhäuschen zusammenfallen zu lassen. Er bringt es auf den Punkt: „Die Flugzeuge müssen immer sicher und im besten Fall pünktlich starten können. Sinnlose Verspätungen müssen vermieden werden. SWISS steht für Qualität und nach diesem Massstab arbeitet die Firma an jedem Flugzeug rund um die Uhr.“

Bald stehen für Guido und seine Kollegen spannende und abwechslungsreiche Zeiten an. “Mit der Boeing 777 und der Bombardier CSeries, die bald in die SWISS Flotte aufgenommen werden, eröffnen sich neue Herausforderungen.“ Erzählt er mit leuchtenden Augen. „Wir werden nun darin geschult, lernen neue Systeme und Flugzeuge kennen.” Das ist vor allem spannend, da während einer bestimmten Zeitspanne Flugzeugtypen von 4 verschiedenen Herstellern auf einmal gewartet werden: Avro RJ100, Airbus, Bombardier und Boeing.

Meine nächste Frage bringt Guido zum Schmunzeln: „Gab es mal ein Problem, welches nicht gelöst werden konnte?“ Er weiss worauf ich hinaus möchte. Ich hatte vor einem halben Jahr schon einmal die Gelegenheit bei der SWISS Line Maintenance über die Schulter zu schauen. Damals durfte ich Guido auf seiner Route begleiten. Er antwortet: „Der Silberlöffel, das Phantom.“ und lacht. – „Wie war das nochmal?“ frage ich. Und Guido erklärt: „Die Cockpitbesatzung hatte nach der Landung gemeldet, dass sie im Cockpit einen Silberlöffel haben fallen lassen und er vermutlich in die Steuerung gefallen ist. Als wir dann beim Flugzeug eintrafen, war die Putzmannschaft schon an Bord gewesen und während wir den Silberlöffel suchten, fing man bereits mit dem Einsteigen der Fluggäste an. Wir haben den Löffel gesucht, von oben im Cockpit und von aussen alles aufgemacht.
Guido Zurflueh auf der Suche nach dem Silberlöffel.

Vorbildlich hatte der Pilot die Passagiere immer auf dem Laufenden gehalten und die Situation erklärt. Die Cabin Crew Member hatten Getränke und Snacks verteilt und das Verständnis der Passagiere war da. Nach detailgetreuer Suchaktion haben wir den Silberlöffel mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen einfach nicht gefunden und mussten abbrechen. Die Besatzung samt Passagieren und Ladung musste daher auf eine andere Maschine ausweichen, um den leeren Flieger einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Es hat sensitive Instrumente und Leitungen im Cockpit und die Sicherheit geht vor. Nach der genauen aufwändigen Inspektion hatte man den Silberlöffel nicht gefunden und es war klar, dass er schon vor unserem (Line Maintenance) Eintreffen mitgenommen wurde.“

Mittlerweile ist Marco da. Er steht lächelnd und gut gelaunt mit einer Tasse Kaffee im Türrahmen. Guido übergibt Marco mit ein paar Instruktionen einen Ordner der ihm zugeteilten Flugzeuge in die Hand. Marco prüft seine Aufträge für den heutigen Tag und setzt sich an einen Computer, um noch ein paar Details abzuklären. Das wichtigste Handbuch ist das Aircraft Maintenance Manual. Dieses liegt in digitaler Form auch auf den Line Maintenance Laptops vor, die mit zum Flugzeug genommen werden. Neben dem – Aircraft Maintenance Manual braucht man je nach Aufgaben auch Handbücher von einem konkreten Flugzeugtyp oder andere bestimmte Details.

Mit den notwendigen Unterlagen unter dem Arm begibt sich Marco zu einem Line Maintenance Fahrzeug. Hier prüft er als erstes alle Hilfsmittel und ob die rote Werkzeugkiste komplett ist. Mit Marco fahren wir nun über den Flughafen zum ersten Flugzeug, LX87 aus Montreal. Wie aufregend! Wir steigen aus dem Wagen und die letzten Gäste verlassen über die Rampe gerade den Airbus. Ich frage mich, ob sie den Indian Summer gesehen haben oder ob ihre Geschäftsreise erfolgreich war? Marco läuft schon mal um das Flugzeug herum und macht ein paar Aussenchecks. Der Pilot verlässt mit seiner Crew als letztes das Flugzeug und Marco tauscht sich noch kurz mit ihm aus, ob etwas Spezielles überprüft werden muss. „Alles bestens.“ meint der Langstreckenpilot.

Im Flugzeug angekommen, überprüft Marco die Logbücher und dabei wertschätzt er den kurzen aber persönlichen Austausch mit dem Captain: „Noch bevor wir in das Flugzeug steigen und die Logbücher von Pilot und Maître de Cabine kontrollieren, erfahren wir von ihm das wichtigste vorab und kommen so schon innerlich vorbereitet an den Arbeitsplatz.“ Nach der Kontrolle der Logbücher setzt sich Marco ins Cockpit und kontrolliert die Instrumente und Einstellungen. Am Schluss dieser Überprüfung stellt er das Flugzeug in die Parking Position. „Sobald alles an Bord kontrolliert ist, signieren wir die Logbücher und es geht weiter zum nächsten Flugzeug.“ erläutert Marco ihren Arbeitsabschluss pro Flugzeug.

Bei den weiteren Flugzeugen folgt neben den üblichen Checks eine spezielle Kontrolle der Temperaturanzeige in der Kabine, Luftdruckmessung der Pneus sowie Kontrolle des Frachtraums. „Sollten wir mal etwas nicht sofort erledigen können, leiten wir die nötigen Schritte für das Beheben einer Aufgabe ein, beispielsweise bei einer defekten Frachtrolle. Wir überprüfen das und melden es unserem Back Office Team. Sie werden für das entsprechende Flugzeug den passenden Ersatz bestellen.“

Nach der Mittagspause, die um 10 Uhr für eine halbe Stunde am Flughafen Airside stattfindet, fahren wir zu einem Flugzeug, um Turbinenöl nachzufüllen. Bei der nächsten Maschine unternimmt Marco einen Diskettenwechsel im sogenannten Avionics Bay, einem kleinen Geräteraum unterhalb des Cockpits. Wahnsinnig eng ist es dort und man schlängelt sich dabei durch den engen Gang an den PC Racks vorbei.

Beim letzten Flugzeug treffen wir Guido. Auf seiner Route schaut er bei seinen Kollegen, die er auf die Flugzeuge eingeteilt hatte, nach dem Rechten und unterstützt wo nötig. Guido erklärt die Aufstellung: „Je nach Auftrag arbeitet man zu zweit oder sogar zu dritt an einem Flugzeug. Das hat den Vorteil, dass man schnell und gründlich auf gewisse Aufgaben reagieren kann.“ Guido setzt sich ins Cockpit und kommuniziert durchs Cockpitfenster mit dem Ingenieur, der sich auf einer Leiter einer Turbine widmet. Marco beobachtet den Turbinentest von aussen bevor wir mit Guido und ihm gemeinsam zum Line Maintenance-Büro zurückkehren. Ihre Frühschicht endet, wenn die Spätschicht anfängt. Spätestens um 14:20 Uhr übergibt Guido mit ein paar Instruktionen seine offenen Aufgaben seinem Lead Engineer Kollegen der Spätschicht.

Line Maintenance ist eine lebendige Abwechslung in meinen Büroalltag und mit dem Eindruck die ganze Welt heute berührt zu haben, und mit jedem Flugzeug eine kleine Geschichte verbinden zu können, begebe ich mich an meinen Arbeitsplatz in Zürich Kloten um die heutigen Erlebnisse festzuhalten.